TOLKEMIT

Die Kleine Stadt am Frischen Haff

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Bericht von Ernst Lingner als Schiffsjunge auf der M/S Irmgard in Tolkemit

In einem Brief schrieb Ernst Lingner an seinen Bruder Georg folgendes:

Mein 15. Geburtstag!
Am 25. 10. 1942 fuhr ich bei meinem Vater (Adalbert Lingner) auf der M/S Irmgard als Schiffsjunge.
Wir waren auf dem Weg von Gotenhafen nach Memel mit einer Ladung Dauerwurst in Kisten und Fahrräder für die Marine. Wir lagen über Nacht vor Anker bei Labiau und hatten an diesem Tage noch das Kurische Haff bis Memel zu überqueren. Wir haben morgens erst noch gefrühstückt und dann ging es langsam los.
Ich ging nach vorne und drehte den Anker hoch, während mein Vater derweil die Maschine im Maschinenraum anschmiß. Dann fuhren wir los und lagen unter Land.
Als wir langsam auf das Haff kamen, bemerkten wir, dass es sehr windig war. Mein Vater setzte deshalb ein Sturmsegel, währenddessen übernahm ich das Ruder.
Der Wind entwickelte sich langsam zum Sturm. Fahrwassertonnen und Hakentonnen waren seit dem 1. Oktober eingezogen. Das Segel flatterte am Mast hin und her; es zerriß und verschwand auf nimmer Wiedersehen.
Mein Vater holte ein zweites Segel welches dann auch hielt.
Ich wrurde von meinem Vater abgelöst.
Das Haff wurde immer breiter und die Wellen wurden immer höher.
Als mich mein Vater in den Maschinenraum schickte, schwappte dort durch das Schaukeln des Sclhiffes das Wasser immer hin und her. Im Maschinenraum stand immer etwas Wasser.
Durch das Laufen des Schwungrades spritzte das Wasser bis an die Decke. Ich pumpte mit unserer Handpumpe das Wasser ab.
Anschließend wollte ich in die Kombüse gehen, kam aber nicht rein. Ich stemmte mich mit aller Kraft gegen die Tür und bekam sie dann so langsam auf.
Durch das Schaukeln war der Herd umgekippt und lag hinter der Tür. Der Kochtopf lag auf dem Boden und rollte von einr Seite zur anderen. Das von mir zuvor aufgesetzte Rindfleisch war natürlich hinüber.
Durch das gestzte Sturmsegel führen wir nun ein Drittel schneller. So gegen 4 Uhr nachmittags war Memel in Sicht. Wir fuhren langsam in den Hafen ein und machten an Deck alles klar.
Nachdem wir den Herd wieder aufgestellt hatten, konnten wir uns wieder daran wärmen.
Am nächsten Tag wurden die Kisten und Fahrräder von der Marine ausgeladen.

Wir fuhren dann mit dem leeren Schiff zurück nach Tolkemit. Die nächste Ladung bestand aus Ziegelsteinen, mit denen wir nach Gotenhafen fuhren.

Es war Herbst 1944; wir lagen mit unserem Schiff in Tiegenhof und warteten vor der Ölmühle auf eine Ladung Rabsschroht.
Unser Vater war mit der Bahn nach Tolkemit gefahren. Am nächsten Morgen kam der Meister und sagte, daß wir laden sollen.
Mein Bruder Georg und ich deckten die Luken auf und es ging los.
Das Zeug war so leicht, daß wir noch Decklast hatten.
Gegen Mittag war das Schliff beladen. Wir deckten alles ab und machten mit einer Plane alles dicht.
Ich hatte meinen Vater angerufen und er wollte am nächsten Morgen kommen. Mein Bruder und ich beschlossen, noch durch die Brücken zu fahren. Georg teilte dies dem Brückenmeister mit.
Als er zurückkam, fuhren wir zur ersten Brücke vor. Wir mußten dort ein bißchen warten und machten am Dalben fest.
Endlich kam der Brückenmeister und die Brücke ging auf.
Ich ging in den Maschinenraum, um die Maschine anzuschmeißen. Wir hatten eine Zweizylinder-Maschine und in jedem Zylinder mußten wir eine Lunte reindrehen. Dann wurde die Maschine durch Preßluft angeschmissen. Nachdem ich die Luftflasche aufgedreht hatte, gab es einen lauten Knall und die Lunte fiel heraus. Ich rief meinen Bruder, damit wir gemeinsam nach der Lunte suchen konnten. Zwischenzeitlich hatten sich auf beiden Seiten Brücke eine Menge Menschen und Fahrzeuge angesammelt.
Der Brückenmeister rief uns zu, daß wir endlich durchfahren sollen.
Als wir die Lunte endlich gefunden hatten, schmissen wir mit der letzten Preßluft die Maschine an und fuhren durch mehrere Brücken bis an das Ortsende.
Gegen 23.00 Uhr kam dann unser Vater.
Am nächsten Tag fuhren wir nach Neuteich und luden dort aus.
An der Zuckerfabrik bekamen wir eine Ladung Zucker nach Königsberg. In Königsberg angekommen, mußten wir feststellen, daß alles bombardiert wurde.
Der Zuckerspeicher war abgebrannt und der Zucker war zu hartem Sirup geworden.
Wir waren sehr froh, als wir die Ladung gelöscht hatten und fuhren dann zurück nach Tolkemit.

Nachtrag:
Den vorstehenden Bericht habe ich - Helmut Lingner, Bruder von Ernst Lingner in die von mir erstellte Tolkemit-Homepage gestellt.
Inzwischen sind meine Brüder Ernst und Georg verstorben.

Zum Schicksal meines Vaters, Adalbert Lingner, können Einzelheiten auf den Seiten "Schicksalsjahr 1945" nachgelesen werden. Mein Vater war vom Dienst in der Werhrmacht als Schiffseigner freigestellt. 1945 befand sich unser Schiff in Danzig. Im Winter 1944/45 war mein Vater zu Hause. Trotz des drohenden Einmarsches der russischen Armee hatte er nach Rücksprache mit Verwandten keine Notwendigkeit dafür gesehen, Tolkemit rechtzeitig zu verlassen. Diese Entscheidung hat sich dann jedoch als folgenschwerer Irrtum herausgestellt.

Mein Vater wurde, wie auch anderen Männer und Frauen, nach Rußland verschleppt. Leider wurde er auf dem Transport nach Sibiren vom russischen Aufsichtspersonal mißhandelt und verstarb 48-jährig.

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